Verfestigung der Brücken: Das Geschichtsprofil in Palästina

Vor den Herbstferien reiste das Geschichtsprofil 1 des S3-Jahrgangs (Abitur 2019) zum zweiwöchigen Gegenbesuch des Austausches nach Beit Jala im Westjordanland.
Das Thema der Projektarbeit des diesjährigen Austausches lautet Bridge over troubled water. Der Beginn der Projektarbeit erfolgte bereits während der Austauschzeit in Deutschland (http://www.gymfi.de/wp/2018/08/brueckenbauer-aus-nahost-in-finkenwerder/) und wurde nun intensiv in Israel und Palästina fortgesetzt.

Vorstellung „Deutsche Kultur“

Issa Kunkar ist palästinensisch-stämmiger Lehrer in Talitha, der während seines Studiums in Deutschland die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten hat.

Die Reise in diese landschaftlich und klimatisch so wunderschöne Region brachte viele der Mitreisenden an ihre Grenzen und im positiven Sinne auch darüber hinaus.
Bei der Arbeit an dem Projektthema stellten sich die Jugendlichen intensiven neuen Erfahrungen, führten spannende Interviews und mussten immer wieder selbstreflektierend an den sich ständig verschiebenden eigenen Standpunkten arbeiten.

Der Unterschied zwischen Bücherwissen und eigenen Erfahrungen

In der Theorie war das Geschichtsprofil bestens vorbereitet: Im Fach PGW (Politik-Gesellschaft-Wirtschaft) wurde der Nahostkonflikt im Kontext internationaler Friedensbemühungen ausgiebig behandelt. Die historische, ökonomische und auch geographische Dimension sowie der aktuelle Stand des Konfliktes waren den SchülerInnen demnach bekannt.
Und doch zeigte sich, dass die Erfahrungen vor Ort durch keine Unterrichtssequenz ersetzt werden kann. Die hohe Präsenz von Waffen an den Checkpoints, die Größe der Siedlungen aber auch die Offenheit vieler Akteure auf beiden Seiten führten immer wieder zu Aussagen wie „das konnte ich mir vorher gar nicht vorstellen“.

Troubled Water

Das Thema des Austausches beinhaltete die Überwindung von Schwierigkeiten durch gebaute Brücken. An vielen Stellen wurde den deutschen SchülerInnen das metaphorische „aufgewühlte Wasser“ innerhalb dieser Region bewusst, u.a. wurde dies sehr greifbar bei der Exkursion nach Jerusalem, an der die palästinensischen Jugendlichen aufgrund der politischen Situation nicht teilnehmen konnten.

 

Dass auch fehlendes Wasser zu trouble führen kann, wurde den jungen Menschen bei einer Führung durch Kamal Mukarker in Beit Sahour deutlich.

Kamal Mukarker führt uns in Beit Sahour

Auch interkulturelle Hürden und Wahrnehmungen des Anderen kamen innerhalb des Austausches auf, beispielhaft kann hier die Angewohnheit der palästinensischen Gastgeber genannt werden, ein NEIN beim Essen nicht zu akzeptieren, was häufig zu vollen Tellern vor gänzlich gesättigten deutschen Jugendlichen führte. Auch die konservativen Kleidervorstellungen in vielen Familien können hier genannt werden.

Brückenbauer zwischen den Kulturen

Im Laufe der insgesamt vier Wochen Austauschzeit wurden die am Projekt und damit am Austausch Beteiligten zu wirklichen Brücken de Verständigung. Dies gelang auf verschiedenen Ebenen, die im Folgenden dargestellt werden.
Durch die gemeinsame Teilnahme am Schulunterricht vollzogen die jungen Menschen einen empathischen Perspektivwechsel zwischen den Schülern der beiden Länder. Es kam hierbei und bei der gemeinsamen Zeit in den Gastfamilien zu einem Austausch und tragfähigen Verbindungen, die sinnbildliche Brücken wurden.


Die in Deutschland begonnene Brücke des kulturellen Verständnisses konnte bei Exkursionen zum Mahmoud Darweesh Museum und zum Gothe-Institut (Foto oben links) gestärkt und gefestigt werden. Vor allem der Satz des palästinensischen Schriftstellers „Heimat ist kein Koffer“ brachte die Jugendlichen beider Länder zum Nachdenken und zur Reflexion der eigenen Haltung und Position.

Joseph Hinterseher ist Mitarbeiter des deutschen Vertretungsbüros in Ramallah. Wir haben ihn im Goethe-Institut zu seiner Arbeit befragt.

Bei Besuchen im Rathaus in Beit Jala und einem Gespräch mit dem Mitarbeiter des deutschen Vertretungsbüros Joseph Hinterseher wurden spannende Brücken in die Politik vertieft. Vor allem bei dem Besuch im Rathaus von Beit Jala zeigte aber auch troubled water der Region. Der Verwaltungsmitarbeiter Issa Shatleh zeigte den SchülerInnen anhand von Luftaufnahmen den Verlauf des israelischen Mauerbaus in und bei Beit Jala.
Das Geschichtsprofil baute auch an der Brücke in die Geschichte weiter: Bei einem Besuch der Holocaustgedenkstätte Yad Vashem setzten sich die Jugendlichen mit der Erinnerungskultur und der Verarbeitung des Holocausts in der Gesellschaft und der eigenen Umgebung auseinander. Im Anschluss an den Besuch der Gedenkstätte zeigten die Jugendlichen sehr individuelle und persönliche Einblicke dieses Erinnerns innerhalb der Familien.

Besuch der Holocaustgedenkstätte Yad Vashem

Körperlich wurden Brücken bei der Überwindung vermeintlicher physischer Grenzen geschaffen. Die SchülerInnen wanderten durch ein trockenes Flussbett im Wadi Quelt. Es zeigte sich hierbei, dass viele Hürden, wie zum Beispiel ein drei Meter hoher Stein, nur gemeinsam überwunden werden können.

 

Ein tolles Beispiel für einen inspirierenden Brückenbauer gab das Projekt Tent of Nations der Familie Dahoud Nassar (Fotos oben), welches von den Jugendlichen beider Länder tatkräftig unterstützt wurde (http://www.gymfi.de/wp/2018/09/uebergabe-des-gymfit-spendenanteils-an-das-projekt-tent-of-nations/).

 

Neben den spannenden und intensiven Arbeitsphasen des Projektes kamen aber natürlich auch Freizeitaktivitäten wie das Baden im Toten Meer (Foto oben links) und das ein oder andere Basarschnäppchen nicht zu kurz.
Die einzelnen Aspekte dieser vielschichten Reise können lediglich Anhaltspunkte der Tiefe dieses Austausches geben. In den Tagen und Wochen nach der Rückkehr aus Palästina zeigte sich bei den Teilnehmer dieser Reise, dass auch aus den kleinen Alltagserlebnissen tiefe Reflexionen und Erkenntnisse folgen können. Die Wirkungsmacht dieses besonderen Projektes lässt sich nicht überschätzen.

Gut gelandet: Wieder in Hamburg!

Die Pfeiler des Brückenbaus: Ein herzlicher Dank den Unterstützern des Palästinaaustausches

Dieser bemerkenswerte Austausch wäre ohne die großzügige und langanhaltende Unterstützung durch externe Akteure nicht möglich.
Für die Unterstützung dieses intensiven Projektes danken wir den Sponsoren, die dieses tolle Projekt ermöglichen. Wir danken dem Kirchlichen Entwicklungsdienst der Nordkirche, der Förderung durch PASCH, der Begegnung. Stiftung Deutsch-Palästinensisches Jugendwerk, der Udo Keller Stiftung Forum Humanum, dem Berliner Missionswerk, dem Lions Club Hamburg Finkenwerder und den Schulvereinen der beiden Finkenwerder weiterführenden Schulen für Ihre Unterstützung.

Eike Koopmann

Unsere Unterstützer:

    

       

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