Krakau (Polen)

„Ich fürchte die deutsche Macht weniger als die deutsche Untätigkeit“.   (R. Sikorski, poln. Außenminister 2011)
Ein bemerkenswerter Satz des polnischen Außenministers, den er in Berlin äußerte, als es um den Euro ging. Bemerkenswert, weil er ein Umdenken in der polnischen Deutschlandpolitik belegt!

Polnische Politiker fürchten nicht mehr das aus ihrer Sicht große und mächtige Deutschland, im Gegenteil, sie halten ihren früher mit Angst beobachteten westlichen Nachbarstaat heute für so rechtschaffen und verantwortungsbewusst, dass sie an seine wirtschaftlichen und politischen Möglichkeiten appellieren und Deutschland zutrauen, aktiv eine Politik zum Wohle der europäischen Völker zu betreiben.

Das Gymnasium Finkenwerder hat die Zeichen der europäischen Einigung mit der Ost-Erweiterung der EU schon 2005 erkannt und führt den Schüleraustausch mit dem Gimnazjum Nr. 11 zur großen Zufriedenheit aller Beteiligten nun schon im siebten Jahr durch. Unsere Austauschschule befindet sich in Krakau, in Galizien, das vor dem Ersten Weltkrieg zum Vielvölkerstaat Österreich-Ungarn gehörte und in seiner Architektur, seinem Straßenbild einen eher mediterranen Charme versprüht.
Das Gymnasium Finkenwerder bietet seinen Schülerinnen und Schülern während des Austausches die Möglichkeit, eine polnische Metropole kennenzulernen:
In Krakau, dem Florenz des Nordens, leben ca. 760000 Einwohner, es ist die drittgrößte Stadt Polens.

Nowa Huta, ein nach 1945 ausgebauter Stadtteil Krakaus, ist mit seinen Stahlwerken Wohn- und Arbeitsstätte für ca. 200000 Menschen.
In dem neuen MAN-Montagewerk in der Nähe Krakaus werden bald 20000 MAN-Lastwagen jährlich die Montagebänder verlassen und einige tausend Beschäftigte Arbeit finden.

Krakau ist heute das wichtigste kulturelle Zentrum Polens mit der Universität, der TU, der Akademie für Bergbau und Hüttenwesen, vielen Hochschulen, Theatern, mehr als 20 Museen und einer sehr lebendigen Jazzszene.

Krakau war über Jahrhunderte die Hauptstadt Polens und blieb bis in die erste Hälfte des 18. Jahrhunderts polnische Krönungsstadt.
Die Verständigung zwischen den Austauschpartnern und -partnerinnen hat sich als problemlos erwiesen, die Schülerinnen und Schüler sprechen Englisch und Deutsch. Unsere Schülerinnen und Schüler sind jedes Jahr sehr angetan von der Herzlichkeit und Gastfreundschaft der polnischen Familien, ihrem Bemühen, ihren deutschen Gästen den einwöchigen Aufenthalt angenehm zu gestalten. Das Gymnasium Finkenwerder verfolgt bei dem Schüleraustausch mit Krakau einen interkulturellen Lernansatz: Unsere Schülerinnen und Schüler gewinnen an Selbstständigkeit, sie müssen in einer fremden Umgebung, in einer anderen Kultur mit einer unbekannten Sprache zurechtkommen. Sie schauen auch „hinter die Kulissen“, so dass sie das Leben, das Denken und Empfinden der Austauschfamilien in unserem östlichen Nachbarland besser verstehen.

Die Verbindungen zwischen Krakau und Deutschland erschöpfen sich nun aber nicht nur in der Herstellung und dem Vertrieb deutscher Hightech-Lkws, sondern beruhen auf einem Geflecht schon lange bestehender rechtlicher, wirtschaftlicher, kultureller und eben auch belasteter politischer Beziehungen.
Nikolaus Kopernikus, der deutschsprachige Begründer des heliozentrischen Weltbildes, studierte von 1491 bis 1494 Mathematik und Astronomie in Krakau.
Krakau übernahm 1257 n. Chr. das Magdeburger Recht, Krakau war Hansestadt, Krakaus Bevölkerung bestand um 1480 zu mehr als 36% aus deutschsprachigen Einwohnern, viele Künstler und Gelehrte aus dem deutschsprachigen Raum gingen zur Zeit der Renaissance nach Krakau, so arbeitete Veit Stoß aus Nürnberg am Hochaltar der Krakauer Marienkirche.

Im Zweiten Weltkrieg wurde Krakau Hauptstadt des Generalgouvernements für die besetzten polnischen Gebiete unter dem NS-Verbrecher Hans Frank. Steven Spielberg drehte den preisgekrönten Film Schindlers Liste im ehemaligen Judenviertel Krakaus. Das KZ Auschwitz-Birkenau in Ostoberschlesien, das dem Zweck dienen sollte, die Juden und die polnische Intelligenz auszulöschen, ist ca. 50 km von Krakau entfernt und gehört zu unserem Schüleraustauschprogramm mit dem Gymnazjum Nr. 11 in Krakau. Der Besuch von Auschwitz-Birkenau zwingt uns Deutsche zu einer ernsthaften Auseinandersetzung mit einem grausamen Abschnitt deutscher Geschichte und wird, so meinen wir im Gymnasium Finkenwerder, zu einer überlegten nationalen Identitätsfindung unserer Schülerinnen und Schüler führen.
Nach diesen „Abstechern“ in die Geschichte gibt der quirlige Hauptmarkt im Zentrum Krakaus während des Austausches Gelegenheit, hinreißende Kleinkunstdarbietungen und einen Cappuccino zu genießen, das Warenangebot in den Tuchhallen zu bestaunen, die Architektur der Barbakane in der Stadtmauer Krakaus zu bewundern und den Salzabbau in 300 m Tiefe in einem der ältesten Salzbergwerke der Welt zu besichtigen, in Wieliczka.

Abschließend möchte ich den innerpolnischen Streit über die Berechtigung des Heldenbegräbnisses für den im Jahr 2010 tödlich verunglückten polnischen Staatspräsidenten in der Gruft der Residenz der polnischen Könige in Krakau zum Anlass nehmen, unsere Schüler und Schülerinnen auf den Mythos Krakau einzustimmen: „Nur für Könige“, protestierte im April 2010 die liberale Opposition in Polen gegen die Entscheidung, den nationalkonservativen Staatspräsidenten Lech Kaczynski in der Gruft der Wawel-Kathedrale in Krakau beizusetzen.

Die Gruft in der Wawel-Kathedrale in Krakau ist nicht irgendeine Begräbnisstätte in Polen, sondern die Ruhestätte von Königen, Dichterfürsten und Heiligen. Jan Sobieski, der 1683 die Türken bei Wien zurückschlug, wurde in Krakau beigesetzt, auch der Nationaldichter Adam Mickiewicz und Marschall Józef Pilsudski, der Wiedergründer Polens im Jahr 1918.

Das Staatsbegräbnis für den polnischen Präsidenten in Krakau im Jahr 2010 zeigt dem deutschen Besucher, dass Krakau bis auf den heutigen Tag das kulturelle, spirituelle und politische Zentrum Polens geblieben ist.

Fühlen wir uns als Austauschpartner geehrt und wünschen wir uns ein „Bis bald!“ / „Do zobaczenia wkrótce!“
Hans-Jürgen Huth, Koordinator für Auslandskontakte

Reisebericht aus dem Jahr 2012

Reisebericht 2005