Brückenbauer aus Nahost in Finkenwerder

In diesem Jahr fand vor den Sommerferien wieder der zweiwöchige Besuch unserer Partnerschule Talitha Kumi aus Palästina statt. Traditionell wird dieser Austausch von dem Geschichtsprofil der beiden weiterführenden Schulen Finkenwerders durchgeführt.

 
Eine Besonderheit dieses Austausches ist die Tatsache, dass die Schüler nicht nur ein anderes Land und eine andere Kultur durch einen Austausch kennenlernen, sondern dass auch an einem anspruchsvollen Projektthema gearbeitet wird.
Das Thema des diesjährigen Austausches lautet „Bridge over troubled water“. Dieses Thema wurde in den Monaten vor dem Besuch der Palästinenser in beiden Ländern an den Schulen vorbereitet. Die Schülerinnen und Schüler stiegen über das berühmte Lied von Simon and Garfunkel in das Thema ein. Sie deuteten das Thema sehr persönlich, indem sie reflektierende Texte zu den Fragen „Was sind unruhige Gewässer in meinem Leben?“, „Wo gibt es Brücken in meinem Leben?“ schrieben. Diese Texte zeigten eine tiefe Auseinandersetzung mit diesen abstrakten Begriffen. In den Schulen wurde aber auch über berühmte Brücken der Welt gesprochen und welche Funktion sie haben.
Auch dieser Austausch selbst ist seit Jahren eine Brücke zwischen der arabischen Welt und der Hansestadt Hamburg, weshalb dieses Motto auf vielfältige Weise gefüllt wurde.

 

Brücke zwischen Kulturen

In dieser Projektzeit wurde an vielen Stellen eine Brücke zwischen den unterschiedlichen kulturellen Hintergründen der Schülergruppen gebaut. Ein Pfeiler dieser Brücke war die Durchführung des interkulturellen Workshops „Bridge building“, hier erarbeiteten sich die Schülerinnen und Schülern spielerisch die nötigen Kompetenzen für einen Austausch im Wortsinne.


In die deutsche Alltagskultur tauchten die arabischen Schülerinnen und Schüler in den gastgebenden Familien ein. Hierbei fiel den Jugendlichen aus Nahost auf, dass auch die deutschen Familien und ihr Alltag sehr heterogen sind. In den Familien machten beide Seiten bereichernde und zum Teil auch herausfordernde Erfahrungen, die den Horizont aller Schüler außerordentlich erweiterten.
In religiöser und weltanschaulicher Hinsicht wurde bei der Teilnahme des sechsten Finkenwerder Religionsgesprächs wurde ein weiterer Brückenpfeiler aufgebaut. Die palästinensischen Schüler kamen vor allem mit Prof. Dr. Meir, einem jüdischem Israeli, ins Gespräch. Hier hakten sie kritisch nach und stellten seine Positionen in Frage. Dass der Kontakt zwischen einem jüdischen Professor und den Jugendlichen aus Palästina überhaupt ermöglicht wurde, ist sicherlich eine Stärke dieses Austausches.
Ein weiterer bewegender Kontakt war das Gespräch der Jugendlichen mit Esther Bejarano, die besonders mit den palästinensischen Jugendlichen sprechen wollte und die Besatzungspolitik Israels ablehnend beurteilte.

  
Bei vielen gemeinsamen Aktionen, einer Selfierallye durch Hamburg, Spaziergängen und einer gemeinsamen Fußballparty (leider ohne Happy-End für die deutsche Mannschaft) kamen sich die Schülerinnen und Schüler näher und lernten die Eigenheiten und Besonderheiten des Gegenüber kennen und schätzen. Ein weiterer Höhepunkt war auch die Übernachtung in der Sporthalle, zumindest bis die Schülerinnen und Schüler morgens durch das Reinigungspersonal geweckt wurden.
Ein besonderes Highlight des interkulturellen Brückenbaus war der palästinensische Kulturabend. An diesem Abend berichteten die Schüler in Präsentationen und Aufführungen von ihrem Land, ihrem Alltag und ihrer Schule. Zu diesem Event waren auch die Eltern der deutschen Schüler eingeladen, die sich ebenfalls sehr beeindruckt zeigten. Zum Abschluss des Abends erhielten alle Anwesenden eine Einführung in den traditionellen Dabketanz der Palästinenser.

Physische Brücken

Natürlich untersuchten die Schülerinnen und Schüler auch physische Brücken. Dies erfolgte vor allem auf einer geführten Tour durch die Hamburger Innenstadt. Dazu merkten die Schülerinnen und Schüler aus Nahost schnell, was die Lage Finkenwerders ausmacht: Sie entdeckten die Fähre als „bewegliche Brücke“ über die Elbe. Auch dieser Weg war für die Schüler, die aus einem Land kommen, in dem ein Mangel an Wasser herrscht, eine neue Erfahrung.


Brücke in die Politik

Die gesamte Gruppe baute auch eine Brücke zur deutschen Politik. So wurde die palästinensische Schülergruppe von Uwe Ram, dem Leiter der Abteilung internationale Zusammenarbeit der Hansestadt Hamburg, offiziell im Hamburger Rathaus begrüßt. Herr Ram nahm sich viel Zeit für die jungen Leute, die diese in der anschließenden Diskussionsrunde auch nutzten. Die Schüler aus Nahost wollten gerne wissen, welche Chancen die Hansestadt ihnen nach dem Abitur bieten könne. Die Schüler aus Finkenwerder hingegen diskutierten v.a. über die Vor- und Nachteile der Elbvertiefung.

 
Während der Exkursion nach Berlin besuchte die Schülergruppe den Abgeordneten des Bundestages Metin Hakverdi, der in mehrfacher Hinsicht als Überwinder von „troubled water“ gelten kann. Er schaffte den Sprung vom Kind aus Wilhelmsburg mit Migrationshintergrund zum erfolgreichen Anwalt, der nun als Abgeordneter in Berlin wirkt. Diesen Werdegang stellte er im Gespräch mit den Schülern plastisch dar, als Grund für seinen Erfolg benannte er in erster Linie die Expansion der Bildungspolitik.

Brücke in die deutsche Vergangenheit

Im reichhaltigen Programm fand auch eine zweitägige Reise nach Berlin statt. In dieser Stadt, die eine Teilung überwunden hat, setzten sich die Schülerinnen und Schüler an dem Holocaustmahnmal, dem Brandenburger Tor und natürlich dem Alexanderplatz mit der deutschen Geschichte auseinander. Auch ein Besuch beim Schulträger der palästinensischen Schule, dem Berliner Missionswerk  erfolgte in der Hauptstadt. Die Schüler fragten interessiert und zum Teil auch kritisch nach, wie der Missionsgedanke im 21. Jahrhundert umgesetzt wird. Im Berliner Missionswerk wurden hieraufhin Beispiele des Brückenbaus durch Freiwilligenarbeit dargestellt. Gemeinsam nahmen alle Jugendlichen an der freitäglichen Andacht im Berliner Missionswerk teil, die zu Ehren der Schüler auch dem Motte der Brücke gewidmet war.
Dies sind lediglich einige wenige Elemente des ereignisreichen zweiwöchigen Austausches, der für die Jugendlichen aufregend, spannend und gleichzeitig auch sehr arbeitsreich war. Die Jugendlichen erstellten während des Austausches Tagesberichte, die immer wieder diese Art des Austausches reflektierten und Plakate, die sich mit einzelnen Unterthemen beschäftigten. Die Plakate wurden zweisprachig und digital erstellt, so dass sie in allen drei Schulen ausgestellt werden können.

Fahrt nach Palästina

Der zweite Teil des Austausches steht vor den Herbstferien an: Mitte September reisen die deutschen Schülerinnen und Schüler zu ihren Partnerschülern nach Palästina. Für diese besondere Reise baut sich natürlich im Profil und bei den begleitenden Lehrkräften schon Vorfreude auf.

Ein besonderer Dank

Besonderer Dank gilt den Sponsoren, die dieses tolle Projekt ermöglichen. Wir danken dem Kirchlichen Entwicklungsdienst der Nordkirche, der Förderung durch PASCH, der Stiftung deutsch-palästinensisches Jugendwerk, den Schulvereinen der beiden Finkenwerder Schulen, dem Berliner Missionswerk und dem Lions Club Hamburg für Ihre Unterstützung.

Kop

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