Interreligiöses Gespräch in Finkenwerder

 

 

Im Januar 2018 fand das fünfte Finkenwerder Religionsgespräch statt: Imam Seyit Lemur, Pastor Torsten Krause und Professor Ephraim Meir aus Israel diskutierten miteinander zu verschiedenen Aspekten des herausfordernden Themas „Menschenwürde“.
Etwa 70–80 Interessierte, darunter auch zahlreiche Oberstufen-Schüler/-innen von der Lessing-Stadtteilschule in Harburg mit dem Profil-Fach Religion, nahmen in der Pausenmehrzweckhalle des Gymnasiums und der Stadtteilschule Finkenwerder an diesem spannenden Abend teil. 
Der Abend begann mit einer Vorstellung jüdischer, christlicher und islamischer Kernaussagen zum Thema „Menschenwürde“ durch drei Schüler/-innen aus der S1.

Zunächst erläuterte Sofia (Jg. S1), dass das jüdisch-christliche Verständnis von Menschenwürde sein Fundament in der biblisch begründeten Vorstellung habe, dass wirklich jeder einzelne Mensch die unverlierbare Eigenschaft habe, Gottes Ebenbild zu sein. Dabei beziehe sich diese Ebenbildlichkeit natürlich weder auf Äußeres noch auf Wesenseigenschaften, sondern sei eine Funktionsaussage, die ausdrücke, dass der Mensch als Stellvertreter Gottes über die Erde herrsche, sie hüte(n) und pflege(n solle). In Bezug auf die Menschenwürde gebe es keinerlei Wertunterschiede. Wertvollere und weniger wertvolle Menschen gebe es nicht. Die Gottesebenbildlichkeit eines jeden Menschen, und damit seine Würde, sei nach dieser Vorstellung unverlierbar. Aus dieser Menschenwürde leiteten sich auch die Menschenrechte, wie etwa das Recht auf Leben, das Recht auf Meinungsfreiheit, das Recht auf Religionsfreiheit, das Recht auf soziale Sicherheit und das Recht auf Bildung ab. 
Dem komplett entgegen stehe, so Tzouneit Kara (Jg. S1), etwa eine utilitaristische Perspektive, wie die von Peter Singer, der der Auffassung sei, die Menschenwürde sei an Kriterien wie Autonomie, Rationalität und die Fähigkeit, sich seiner selbst bewusst zu sein, gebunden. 
„Karamat al-Insan“, erklärte Sevval (Jg. S1), sei der arabische Begriff für Menschenwürde: Muslimische Theolog/inn/en würden um die Frage ringen, ob die Menschenwürde uneingeschränkt für alle Menschen gelte, wie zahlreiche Vertreter meinten, oder ob Menschen sich diese Würde verdienen müssten, wie andere glaubten.

 

Ist Rettungsfolter erlaubt?

In kurzen Gesprächsphasen in und mit dem Publikum ging es u.a. um die Frage, ob man einen Menschen foltern dürfe, wenn dadurch die Aussicht bestünde, Menschenleben zu retten; bspw. indem man mutmaßliche Terroristen durch Folter dazu bringe, geplante Anschläge preis zu geben. 
Hierzu entspann sich auf dem Podium eine kontroverse Diskussion: Pastor Krause sprach den staatlichen Institutionen mit dem Verweis auf die Grundrechtsartikel unseres Grundgesetzes (für die das christliche Verständnis von Menschenwürde ja wiederum eine zentrale Inspirationsquelle war) ein solches Recht ab. Gleiches tat auch Imam Temur, indem er darauf verwies, dass Menschen zu foltern und zu quälen niemals Gottes Wille sein könne und wider die Grundüberzeugung der abrahamitischen Religionen stehe. Anders Professor Meir: In einem demokratischen Rechtsstaat mit all seinen begrenzenden rechtlichen Verfahren und dem Prinzip, das eigene Handeln immer wieder infrage zu stellen und kritisch zu diskutieren, sei es sehr wohl legitim, physischen und psychischen Druck auf Menschen auszuüben, wenn eine hohe Wahrscheinlichkeit bestünde, Menschenleben dadurch retten zu können. Das zu rettende Menschenleben sei sehr hoch zu gewichten. Und, anders als bisher vertreten, könne seiner Auffassung nach ein Mensch durch absolut unmenschliches Handeln auch seine Menschenwürde verlieren.

Es folgte eine überaus spannende und nachdenklich stimmende Diskussion der Podiumsteilnehmer untereinander und mit dem Publikum: Ist Gott zunächst und vor allem Liebe, wie im modernen Christentum gelehrt, oder ist er auch ein König, dem es um Gerechtigkeit geht, wie das Judentum betont? Muss nicht das Streben aller abrahamitischen Religionen darum gehen, dass die Menschenwürde nie mehr im Namen Gottes verletzt wird, also auch nicht gefoltert wird, so Imam Temur, und weiter: Es seien doch Barmherzigkeit und Verzeihen, die religiös von uns gefordert seien! Darf man wirklich erwarten, dass Menschen, denen unendliches Leid angetan wurde, anderen, die absolut unmenschlich gehandelt haben, verzeihen können und sollten, fragte demgegenüber kritisch Professor Meir an. 
Die Podiumsteilnehmer erläuterten weitere Beispiele, in denen das Eintreten für die Menschenwürde heute von Bedeutung sei, wie etwa bei Fragen der Gestaltung des Lebensendes oder im Falle von staatlich diskriminierendem Verhalten, wie es seit einiger Zeit verstärkt bspw. für die Polizei in den USA diskutiert wird.

Bewegend zum Ende des Abends war die Aussage von Imam Temur auf, dass er nach der Erfahrung von nunmehr fünf Religionsgesprächen, ähnliche Veranstaltungen in der Türkei organisieren möchte, wenn er im Sommer in seine Heimat zurückkehrt.
Es war ein spannender Abend! Unsere Dankbarkeit gilt nicht nur den Schüler/-innen und Diskutanten, die ihn respektvoller Weise ihre unterschiedlichen Perspektiven austauschten, sondern in besonderer Weise auch Saadet Bal und Batuhan Katirci für ihre so hilfreichen Dolmetscher-Dienste sowie unserem Technik-Team unter Leitung von Phillip Otufowora für den reibungslosen Ablauf dieses Abends, dessen diskutierte Positionen vielen von uns sicherlich im Gedächtnis bleiben werden.
Markus M. Heimbach

 

 

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