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Abiturentlassung 2010

Rede des Schulleiters Hans-Joachim Reck zur Abiturentlassungsfeier 2010, 25.06.2010

Liebe Abiturientinnen und Abiturienten, liebe Eltern und sonstige Verwandte unserer heutigen Hauptpersonen, liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Anwesende!

Das Verfassen einer Abiturentlassungsrede ist für mich immer wieder ein spannender Akt: Geschrieben am letzten oder, bestenfalls, am vorletzten Tag vor der Entlassungsfeier, also unter enormem Zeitdruck: Die nachmittäglichen Konferenzen lösen sich in atemberaubendem Tempo ab, abends krönen Elternrat, Schulkonferenz und Schulaufführungen den Tagesablauf, Zeugnisse müssen unterschrieben werden, ja und dann gibt es, quasi nebenbei, tagelang Abiturprüfungen. In diesem Jahr gleich im Doppelpack - Stichwort Nummer eins in meiner heutigen Rede. Stichwort Nummer zwei speist sich, wie sich zeigen wird, aus dem lateinischen Sinnspruch: Salus publica suprema lex. Doch dazu später.

Also alles der Reihe nach: Liebe Abiturientinnen und Abiturienten, Ihr seid ein besonderer Jahrgang - der erste seit vielen Jahren, der mir mit seinem Abi-Motto das Eröffnungsstichwort nicht geliefert hat -. Hieß es im letzten Jahr in Anspielung an die leitenden Beamten dieser Schule noch Abi 09 fast verReckt und Nun gehen wir unserer Wege Mann, im Jahr davor Out of Hell oder 2007 Abi lieve in miracles, so ist mir der Namensgeber Eures diesjährigen Mottos, ein DJ hab ich mir sagen lassen, so unbekannt, dass ich das Motto gleich wieder vergessen habe. Ich bitte das meinem immer höher werdenden Alter zuzuschreiben und damit zu entschuldigen. Ein polnischer Dramatiker soll, so habe ich gestern zufällig im Radio gehört, gesagt haben: Die Jugend versucht die Gegenwart zu überholen, dann holt diese sie aber ein und schließlich überholt die Gegenwart sie. In dieser letzten Phase befinde ich mich dann wohl inzwischen. Mein Trost: Wenn an diesem Zitat etwas Wahres ist, dann trifft es Euch irgendwann einmal ebenso. Ich habe aber die Hoffnung, dass dies nicht so schnell geschieht. Doch auch dazu später.

Heute aber sind wir erst einmal in Eurer Gegenwart, liebe Abiturientinnen und Abiturienten, und bevor Ihr sie zu überholen versucht, bitte ich Euch, kurz innezuhalten, sie zu genießen und gemeinsam zu feiern.

Erstes Stichwort also: Der Doppeljahrgang. Was seid Ihr nur für ein Jahrgang. Auf dem Weg durch Eure Schulzeit habt Ihr eine erstaunliche Metamorphose durchgemacht: Ihr wurdet als Einzelkind geboren und hört als Zwilling auf. Als zweieiiger Zwilling sozusagen: Einschulung 2001 und 2002. Auf dem weiteren Weg haben Euch manche Klassenkameraden verlassen, um auf andere Schulen oder in einen Beruf zu gehen. Andere sind hinzugekommen. Einer hat Euch in der neunten Klasse durch seinen Tod ganz verlassen müssen, Nico Weiß. Ihr habt ihm in Eurem Jahrbuch eine Seite gewidmet, eine große Geste der Mitmenschlichkeit, die zeigt, dass ihm heute auch ein Platz in Euren Herzen gehört.

In Eurer Schulzeit gab es Klassenreisen, Praktika, Klassenzusammenlegungen, Auslandsaufenthalte von einigen Wochen bis zu einem Jahr, gar eine Auslandspatenschaft für ein Kind in Madagaskar. Aufregung, Spannung und Neues zuhauf, sollte man meinen, aber das wirklich Spannendste war für viele aus dem Jahrgang 2002 die Frage, ob sie mit den 2001ern würden mithalten können. Ein tägliches Messen also. Da gab es viele Ängste, auch auf Seiten Eurer Eltern: im Nachhinein umsonst, wie wir an Eurem Abiturnotendurchschnitt sehen können. Er ist mit einem Notenschnitt von 2,5 genauso gut wie der Eurer Zwillingsschwestern und -brüder. Klasse gemacht!

Einzelne in Eurem Doppeljahrgang ragen dabei auch noch besonders heraus und beweisen damit, das in vielerlei Hinsicht hohe Niveau der in Kooperation gefahrenen Oberstufe unserer beiden Schulen. Da sind John Peters von der Gesamtschule und Miriam Alpheus vom Gymfi mit dem sagenhaften Notenschnitt von 1.0! Da sind die vielen anderen, nämlich 23 an der Zahl, oder zusammen knapp 20% des Jahrgangs, deren Notenschnitt eine Eins vor dem Komma trägt. Da sind aber auch, teils sogar noch in Kombination mit solch guten Noten, solche, die sich durch besonders engagierte Arbeit in schulischen Gremien hervorgetan haben, wie Hauke Wulf im Schulsprecherkollektiv oder Enric Bertels, Adrian Janitra-Putra, Kurt Klauke sowie Nils und Lars Schott als Technikverantwortliche bei all unseren kleineren oder größeren Veranstaltungen. Daneben gibt es solche, die außerhalb von Schule großartige Leistungen vollbracht haben, wie z.B. Svenja Kasischke als Bronzemedaillengewinnerin und Weltmeistern im Ju Jutsu-Juniorenwettbewerb oder Svenja Christiansen mit ihrem Forscherdrang, der sie bereits bis ins Mittelmeer geführt und, zusammen mit ihrer Schwester Maike, an Hochseeregatten hat teilnehmen lassen.

Warum erwähne ich dies? Weil es zeigt, dass in Eurem Doppeljahrgang viele sind, die sich durch Initiative, Ausdauer, Zähigkeit, Zielstrebigkeit sowie soziales Engagement auszeichnen, Eigenschaften, die schon immer die besten Erfolgsgaranten für das Erreichen hochgesteckter Ziele gewesen sind. Viele davon sind Mädchen, manche Jungs, eine Tatsache, der wir Lehrer uns in Eurer schulischen Zeit wahrscheinlich nicht genug gewidmet haben, denn unter Euch Jungs war das Potenzial nicht geringer als das der Mädchen. Zum Trost: bei den Besten im Jahrgang teilt Ihr Euch den Anteil genau hälftig.

Dieser zahlenmäßige Unterschied hat angeblich auch etwas damit zu tun, was einer Eurer Tutoren zumindest für seine Tutandengruppe so formuliert hat: Viel hätten urzeitliche Verhaltensmuster gezeigt: Hätten die Mädchen mehr für die Gruppe gesorgt, zeigten die Jungs mehr individuelles, auf ihre Interessen bezogenes Verhalten. Das zog sich für jeden sichtbar bis in die Abistreiche hinein. Wäre Euer Verhalten anthropologisch bedingt, wäret Ihr rehabilitiert, aber natürlich steckt hinter dieser Kennzeichnung aus Sicht Eurer Lehrer auch ein Körnchen Kritik. Und dennoch habt Ihr Euch, wie eine Tutorin meint, zusammengerauft, soll heißen, Ihr habt Euch in den Tutandengruppen trotz unterschiedlicher Wissens- und Reifegrade jahrgangsübergreifend zusammengefunden, auch wenn Ihr, wie ich viele unter Euch habe sagen hören, insgesamt kein gemeinschaftliches Doppeljahrgangsgefühl habt entwickeln können. Vielleicht war hierfür die gemeinsame Zeit einfach zu kurz.

Lebenskünstler seid Ihr allemal: Ihr habt es trotz Eurer beachtlichen Zahl von 132 geschafft, Euren Oberstufenraum auf vier Quadratmeter Grundfläche, gleich einen Tisch mit vier Stühlen vor dem Schulbüro, zu begrenzen. Bravo, damit könnt sogar noch unserer Sparkanzlerin in Berlin imponieren. Keine Angst, Eurem Nachfolgejahrgang wird dennoch ein größerer Raum zur Verfügung gestellt.

Zweites Stichwort: Salus publica suprema lex, auf deutsch: Das öffentliche Wohl ist das höchste Gebot. Ein Sinnspruch, den ein Flugblatt der Weißen Rose, der studentischen Widerstandsorganisation gegen den Nationalsozialismus um die Geschwister Scholl, getragen hat.

An diesen Satz möchte ich ein paar gut gemeinte Ratschläge knüpfen. Hans-Jochen Vogel, einer der großen Politiker der SPD, hat den Spruch etwas anders formuliert: Macht muss dienen.

Als Abiturienten werden viele, zumindest aber die Zielstrebigsten unter Euch, in einigen Jahren zur Elite unseres Landes zählen, zu denen, die, ob in der Wirtschaft, im sozialen Bereich oder der Politik, Verantwortung tragen für andere Menschen, deren Schicksal mitbestimmen. Kurz: Ihr werdet Macht über andere Menschen haben. Macht wie z.B. Exkanzler Helmut Schmidt sie hatte. Der Generation Eurer Großeltern, Eltern und meist auch Lehrer gilt er vielfach als Prototyp des machtbewussten Politikers: So mancher Finkenwerder dürfte ihn übrigens noch aus der Zeit der großen Sturmflut von 1962 kennen, wo er als Hamburger Senator sich über so manches Gesetz hinweggesetzt hat, um schnelles Handeln gegen die Flut zu ermöglichen. So hat er z.B., obwohl dies verboten war, der Bundeswehr einen Einsatzbefehl erteilt, und auf diese Weise viele Menschenleben gerettet.

Für ihn wie für die Geschwister Scholl oder Hans-Jochen Vogel bedeutet Machtbesitz immer Neugier, Offenheit und Respekt vor dem Mitmenschen, und damit auch dessen Schutz vor Anderen und, nicht zuletzt, vor staatlichen Übergriffen.

Es war unsere Absicht als Lehrerinnen und Lehrer, Euch diesen Respekt mitzugeben. Das schloss Verletzungen des Anderen aus und erforderte gelegentlich unser Einschreiten, selten einmal sogar mit Gesprächen in meinem Dienstzimmer. Damit wollten wir auch die jedem Kleinkind angeborene Neugier gegenüber dem Unbekannten in Euch wach halten und nähren.

Im besten Fall ist uns dies gelungen, wenn wir erreichen konnten, dass Ihr die Welt, Eure Umgebung, mit den Augen des Anderen betrachten lerntet, sei es, wie Helmut Schmidt sagt, mit den Augen Eurer Mitspieler oder, viel schwieriger, mit denen Eurer Gegenspieler. Er hat auf seinen vielen Auslandsreisen gelernt, wie viel anders die eigene Welt aussieht, wenn man sie von einer anderen Warte aus betrachtet. Ihr habt sie vielleicht ein wenig aus der Warte eines Franzosen oder Polen oder Türken oder Amerikaners betrachten gelernt, wenn Ihr an einem Austausch teilgenommen oder anderweitig ausländische Freunde gewonnen habt.

Anderen hat hoffentlich der eine oder andere Unterricht neue geistige Horizonte, die andere Warte eben, eröffnet. Ich will das an einem Beispiel zeigen, das mich tief beeindruckt hat. Es ging um das Thema politisches Asyl, um einen Fall, der vor Jahren durch die Presse gegangen war. Strenggläubige Eltern hatten gemeint, sie seien in Deutschland politisch verfolgt und müssten in den USA um politisches Asyl ersuchen, weil sie ihre Kinder in Deutschland nicht privat unterrichten dürften, sondern stattdessen auf eine Schule schicken müssten. Die Schüler dieser neunten Klasse waren hell empört und warfen diesen Eltern vor, sie würden ihre Kinder von der Außenwelt abschotten und ihnen die eigene Meinung aufzwingen wollen, indem sie ihnen bereits das oft erst durch die Schule mögliche Kennenlernen unterschiedlicher Meinungen verwehrten. Schließlich werde ja in der Schule niemand gezwungen, diese oder gar die Meinung des Lehrers anzunehmen. Außerdem sei die Schule doch für das spätere Leben wichtig, bereite sie doch darauf vor - Äußerungen, die man von den angeblich gerade in diesem Alter oft schulmüden Schülern nicht gerade erwartet, oder?

Als Lehrer und Schulleiter fühlte ich in diesem Moment so etwas wie Stolz: diese Schüler haben ihre, unsere, Eure Schule offenbar kennengelernt als einen Ort der vielfältigen Meinungen und Anregungen, als Ort des friedlichen Meinungsaustauschs und Konfliktaustrags, sie haben das Kennenlernen des Anderen, die Auseinandersetzung mit ihm zudem so verinnerlicht, dass es förmlich aus ihrem tiefsten Innern heraus brach, diese Werte gegenüber dem Zwang, nur eine Meinung zu dulden, zu verteidigen. Sie haben damit aus vollem Herzen auch verteidigt, dass in einer Demokratie die Wahrnehmung bestimmter Pflichten und somit die Achtung bestimmter Grenzen von Freiheit unerlässlich ist, weil ohne sie genau diese Freiheit gefährdet wäre. Helmut Schmidt hat dies in seinem Buch Außer Dienst, aus dem ich hier bereits mehrfach zitiert habe, als Pflicht zur Mitmenschlichkeit bezeichnet. Diese Schüler, genau wie übrigens all die, die so feinfühlig und beispielgebend um Niko getrauert haben und ihm auch heute die Ehre erweisen, haben diese Mitmenschlichkeit gezeigt und das als Selbstverständlichkeit, gar nicht als Pflicht. Und genau diese Mitmenschlichkeit ist in besonderem Maße ein Gebot für diejenigen, die Verantwortung für andere tragen, Macht über Menschen haben, also für viele von Euch in ein paar Jahren.

Wenn wir dieses Feuer, diese Begeisterung der Neuntklässler für die Freiheit auch in Euch entfacht haben, liebe Abiturientinnen und Abiturienten, dann können wir Euch beruhigt hinaus in die Welt entlassen, denn so ausgestattet könnt Ihr anfangen oder weitermachen damit, die heutige, nicht schlechte, sicherlich aber verbesserungsfähige Welt (möglichst lange) zu überholen, bevor sie Euch (möglichst spät) wieder ein- oder (möglichst gar nicht) überholt. Dazu wünsche ich Euch Offenheit, Mut, Tatkraft und Zuversicht. Ihr habt sie Euch mit Euren Reifezeugnissen verdient.

Herzlichen Glückwunsch zum bestandenen Abitur und alles Liebe und Gute für Eure Zukunft!

Ich danke Euch und Ihnen für die Aufmerksamkeit.

Die Rede als PDF-Dokument

Zuletzt geändert am 28. Juni 2010 um 17:19 Uhr
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