Der Ausspruch unseres Sportkaisers Franz Beckenbauer hätte heute auch von mir stammen können: „Ja, ist es denn schon heut’ Weihnachten?“
Nein, so weit war es noch nicht, denn es war erst der 6. Juni 2005, aber einen Grund zur Freude hatte ich allemal, als ich in einer schier endlosen Wagenkolonne, die Köhlbrandbrücke verlassend, Finkenwerder ansteuerte. Zugegeben, in diesem Augenblick war ich in Gedanken nicht bei den zu Recht über die extreme Verkehrsbelastung stöhnenden Insulanern, sondern bei der bereits seit einigen Minuten begonnenen Begrüßung polnischer Schüler und Schülerinnen aus Krakau im Gymnasium Finkenwerder.
Eigentlich sollten mich als „alten Hasen“ der „Deutsch-Polnischen Gesellschaft Hamburg“ Begegnungen zwischen jungen Menschen aus Polen und Deutschland nicht mehr so aufregen - gar einige haben wir bereits aus den Weg gebracht -, doch solche Augenblicke prickeln noch immer. Die erste Kontaktaufnahme zwischen Jugendlichen aus den sich ehemals in verschiedenen Systemen befindenden, jetzt zur Freundschaft und Zusammenarbeit aufgerufenen Staaten ist für mich ebenso wichtig wie ... prickelnd.
Was eigentlich selten vorkommt: Ich komme zu spät und verpasse die ersten Begrüßungssätze des Schulleiters Hans-Joachim Reck, welche dem Willkommen der Piotres, Kasias und Agnieszkas gelten. Ich muss gestehen, dass mich der Begrüßungsapplaus der Schüler und Schülerinnen sehr gefreut hat. Die lächelnden Gesichter vor mir sehend, gestehe ich mir im Geheimen ein: „Gut gemacht!“ Es ist der schönste Dank und Anerkennung für die Bemühungen um die „Normalisierung“ der nachbarschaftlichen Beziehungen zwischen unseren Völkern. Besonders der zwischen den Jugendlichen.
Sehr viel Freude bereitet es mir, die ersten Augenblicke der Begegnung zu beobachten, wenn „Der“ oder „Die“ „Diesen“ oder „Jenen“ als Gast für die nächsten Tage zugewiesen bekommt. Hier erfolgt ein schüchternes Händchengeben, dort ein burschikoses „Auf-die-Schulter-Klopfen“. Auch ein zaghaftes Umarmen mit einem angedeuteten Küsschen meine ich erblickt zu haben, als die Finkenwerder Butjes und Deerns den (hoffentlich) neuen Freunden aus Krakau eine an einer Kette baumelnde tonirdene Scholle überreichten.
Während Herr Reck die verbliebenen Mädchen und Jungen aus Krakau noch bei den Gasteltern „unterbringt“, sind die Deerns und Butjes mit ihren polnischen Gästen in rege Gespräche vertieft. Wenn der Konversation so dann und wann das entsprechende Wort fehlt, greift man doch sehr gern auf die „Ersatzsprache“ der Jugend, Englisch, zurück. Die freundlichen Mienen und die Zeichensprache sagen jedoch oft mehr als Worte vermögen.
Mich an dem reichhaltigen Kuchenbuffet labend, das von den Gastmüttern zusammengestellt wurde, nehme ich mir vor, sofort meinen Freund Andrzej in Krakau anzurufen, um ihm zu berichten, dass sich hier durchaus „etwas entwickeln“ kann. Andrzej konnte seine Schüler und Schülerinnen diesmal nicht nach Hamburg begleiten, hat aber sehr viel dazu beigetragen, dass dieser Schüleraustausch ermöglicht wurde.
Natürlich wird auch Ronny von der „Finkwarder Speeldeel“ über meine ersten schönen Eindrücke in Kenntnis gesetzt – war es doch seine Idee, nachdem meine Krakauer Freunde die Jungs und Mädel aus Finkenwerder in ihrer Schule erlebt hatten, einen Kontakt zwischen dem Gymfi und dem Krakauer Gymnasium herzustellen.
Ich verlasse die fröhliche Jugend und fahre in Richtung Neßpriel. Vor fast 50 Jahren habe ich hier auf der Neß-Halbinsel im ehemaligen Durchgangslager Finkenwerder meine zweite Heimat in Hamburg gefunden. An die Existenz dieser Einrichtung wird sich kaum noch jemand erinnern können, doch es gab eine Zeit, da Menschen ihre Heimat unter Tränen verlassen mussten. Diese jungen Menschen leben glücklicherweise in einem Europa, das es ihnen ermöglicht, zu Freunden zu fahren und in die Heimat zurückkehren zu können. Welch eine glückliche Jugend!
Auf der Heimfahrt überlege ich, wo ich mich im Programm der nächsten Tage noch nützlich machen kann, doch ich glaube, die Lehrer und Schüler des Gymnasiums Finkenwerder haben an alles gedacht. Zufrieden mit mir denke ich, dass meine „Mission“ nun beendet ist. Die Jugend hat zueinander gefunden, und ich werde so dann und wann noch etwas Erfreuliches darüber erfahren. Ich denke, alle, die an dieser schönen – und hoffentlich andauernden – Aktion mitgewirkt haben, haben sehr viel zur Verbesserung der deutsch-polnischen Beziehungen beigetragen. Ach, würde dieses auch bei den Politikern „Schule machen“!
Jan Dolny, Deutsch-Polnische Gesellschaft Hamburg